Der Griff war da. Ich wusste es. Nur meine Hand wollte nicht. Mitten in einer Route im Frankenjura, vielleicht zwölf Meter über dem letzten Haken, hing ich im Seil und starrte auf einen Henkel, der so groß war, dass man eine Kaffeetasse darauf abstellen könnte. Und ich kam nicht ran. Nicht, weil ich zu schwach war, sondern weil mein Kopf längst ausgestiegen war. Ich hatte mich festgekrallt, die Beine vergessen, die Atmung vergessen, alles vergessen. Am Ende habe ich abgelassen, mich auf den Boden gesetzt und mich geärgert. Über mich, nicht über die Route.
Diese Szene ist jetzt ein paar Jahre her. Seitdem habe ich viele solcher Momente gesammelt, gute und peinliche, und daraus meine eigenen Klettern Erfahrungen und Tipps zusammengestellt. Keine Theorie aus dem Lehrbuch, sondern das, was ich damals gern früher gewusst hätte. Wer gerade anfängt oder seit ein, zwei Jahren dabei ist, findet hier vielleicht die eine oder andere Sache, die den Unterschied macht.
Erst die Füße, dann der Kopf – und dann erst die Arme
Mein erster Fehler in fast jeder schweren Passage: Ich ziehe mich mit den Armen hoch, als hinge mein Leben davon ab. Tut es aber nicht. Es hängt an den Füßen, wenn man sie richtig einsetzt. Ich erinnere mich an eine Platte in der Fränkischen Schweiz, bei der ich nach drei Zügen völlig platt war. Ein erfahrenerer Kletterer stand unten und rief irgendwann nur: „Steh auf deine Füße, dann denk weiter.“ Klingt banal. War es nicht.
Seitdem achte ich bewusst darauf, wo meine Füße stehen, bevor ich greife. Klingt langsam, ist aber schneller. Ein guter Tritt spart Kraft, ein schlechter kostet doppelt. Und die Arme bleiben länger frisch, wenn sie nur das tun müssen, was die Beine nicht können.
Der praktische Tipp daraus: Wenn du in einer Passage steckst, schau nicht auf den nächsten Griff. Schau auf deine Füße. Such den nächsten Tritt, verlager dein Gewicht, und der Griff ergibt sich oft von selbst. Das ist einer dieser Klettern Tipps, die man hundertmal hört und erst nach dem dritten Mal wirklich versteht.
Angst ist kein Fehler, sondern eine Information
Ich habe lange gedacht, Angst beim Klettern bedeutet, dass ich nicht gut genug bin. Dass andere das nicht haben. Bis ich mit jemandem unterwegs war, der seit fünfzehn Jahren klettert und vor einer ausgesetzten Querung genauso nervös wurde wie ich. Der Unterschied war nur: Er hat seine Angst gelesen, nicht bekämpft.
Bei mir war es eine Route mit weitem Hakenabstand, in der ich irgendwann nur noch nach unten schaute. Klassischer Fehler. Mein Partner sagte damals etwas, das ich nie vergessen habe: „Schau nicht, wie tief du fallen könntest. Schau, wo du als Nächstes hinfasst.“ Klingt nach Kalenderspruch, funktioniert aber. Angst verengt den Blick. Wer den Blick bewusst wieder nach vorn richtet, bekommt Ruhe zurück.
Was mir konkret hilft: vor dem Einstieg die Route lesen und mir zwei, drei Stellen markieren, an denen ich mich ausruhen kann. Kein Rasten im Seil, sondern ein guter Griff, ein No-Hands-Rest, ein Tritt, auf dem ich stehen kann. Wer weiß, dass eine Pause kommt, klettert entspannter. Und wer entspannt klettert, stürzt seltener, weil er nicht verkrampft.
Noch etwas, das ich früher nie gemacht habe: laut atmen. Klingt albern, besonders in einer Wand, wo man denkt, alle hören zu. Aber angehaltene Luft bedeutet angespannte Muskeln. Ich atme heute hörbar aus, wenn ich einen Zug mache. Das ist kein Ritual, das ist Physik. Sauerstoff rein, Anspannung raus.
Ausrüstung, Sicherung und die Dinge, die man nur einmal falsch macht
Ich habe mal einen Partner gesichert, der deutlich schwerer war als ich, mit einem normalen Tuber. Er ist nicht gestürzt, aber als er sich ins Seil setzte, bin ich einen halben Meter Richtung Wand gerutscht. Danach habe ich verstanden, warum ein Sicherungsgerät mit Bremsunterstützung für leichtere Sicherer sinnvoll ist. Nicht weil der Tuber schlecht wäre, sondern weil Physik keine Meinung hat.
Was ich aus solchen Momenten mitgenommen habe, ist eine kurze Liste, die ich vor jedem Einstieg durchgehe. Sie ist nicht vollständig, aber sie hat mir mehr Ärger erspart als jede teure Ausrüstung.
- Knoten kontrollieren, immer, auch wenn der Partner ihn schon zehnmal gemacht hat. Ein zweiter Blick kostet zehn Sekunden.
- Gurt und Sicherungsschlinge auf Verschleiß prüfen, besonders nach vielen Stürzen. Material altert unsichtbar.
- Vor dem Losklettern kurz sagen, was man vorhat. Wo ist der erste Haken, wie weit oben ist der Stand, gibt es eine Stelle, die man nicht stürzen will.
- Beim Sichern nicht plaudern. Ich habe das lange unterschätzt, bis ich einmal fast einen Sturz zu spät gehalten hätte, weil ich abgelenkt war.
Das ist die einzige Liste in diesem Text, und sie ist bewusst kurz. Alles andere ergibt sich beim Klettern von selbst, wenn man aufmerksam bleibt.
Ein Wort zu Schuhen: Ich habe mir am Anfang zu enge Kletterschuhe gekauft, weil ich dachte, das muss so sein. Nach einer Stunde tat jeder Zeh weh, und ich habe auf jedem Tritt gewackelt. Heute weiß ich, dass ein Schuh, der am Anfang bequem ist, beim Klettern besser funktioniert als einer, der nur im Laden gut aussieht. Der beste Schuh ist der, in dem du präzise stehen kannst, ohne dass du nur an deine Füße denkst.
Draußen klettern ist anders als in der Halle – und das ist der Punkt
Mein erster Tag am echten Fels war eine Ernüchterung. In der Halle kletterte ich eine solide Schwierigkeit, draußen hing ich an einer Route, die auf dem Papier leichter war, und kam nicht durch. Der Fels ist rau, die Griffe sind nicht farbig markiert, und die Linie verläuft nicht immer da, wo man sie vermutet. Das ist kein Rückschritt, das ist eine andere Sportart mit derselben Bewegung.
Was mir geholfen hat, war, den Ehrgeiz für den ersten Tag zu Hause zu lassen. Ich habe angefangen, leichte Routen zu klettern und bewusst auf den Fels zu hören. Wo ist der beste Tritt, auch wenn er nicht offensichtlich ist? Wo reibt die Haut, wo klemmt der Fuß? Draußen zählt Lesen mehr als Kraft. Wer eine Route zweimal klettert, versteht sie beim zweiten Mal oft besser als beim ersten, weil der Kopf nicht mehr mit der Orientierung beschäftigt ist.
Und noch etwas, das ich schmerzhaft gelernt habe: Wetter und Zustieg unterschätzen fast alle am Anfang. Ein langer Zustieg kostet Kraft, die am Einstieg fehlt. Feuchter Fels nach Regen wird zur Rutschbahn. Ich plane heute mehr Zeit für den Weg als für die Route selbst und schaue mir vorher an, wie die Wand ausgerichtet ist. Nordwand im Frühling heißt oft: kalt und schattig. Das ist keine Kleinigkeit, wenn man oben steht und zittert.
Was mir am meisten geholfen hat, war aber nicht Technik oder Ausrüstung. Es war, mit Leuten zu klettern, die ehrlich sind. Die sagen, wenn eine Sicherung unsauber ist. Die sagen, wenn man zu verkrampft klettert. Die nicht so tun, als wäre Angst peinlich. Ich habe von solchen Partnern mehr gelernt als aus jedem Video. Klettern sieht wie ein Einzelsport aus, ist aber keiner.
Wenn ich heute an die Route im Frankenjura zurückdenke, in der ich vor dem Henkel kapituliert habe, muss ich schmunzeln. Ich bin sie später geklettert, nicht viel später, und der Griff war genauso groß wie damals. Der Unterschied lag nicht in meinen Fingern. Er lag darin, dass ich aufgehört hatte, mich gegen die Wand zu stemmen, und angefangen hatte, mit ihr zu arbeiten. Genau das wünsche ich jedem, der gerade anfängt: nicht mehr Kraft, sondern mehr Geduld mit sich selbst. Der Rest kommt beim Klettern von allein.
